Anna Scrinzi war eine zentrale Figur der Triestiner Fotografie des 19. Jahrhunderts und ein bedeutendes Beispiel weiblichen Unternehmertums in einem damals von Männern dominierten Markt. Geboren 1838 in Triest als Tochter von Pietro Scrinzi und Rosa Ciani, konzentrierte sich ihre berufliche Tätigkeit hauptsächlich auf die Jahre 1865 bis 1873.
Im Folgenden die wesentlichen Aspekte ihres beruflichen und künstlerischen Profils.
Das Atelier „Al Progresso"
- Standort: Im Jahr 1865 übernahm sie das Fotoatelier in der Contrada del Corso Nr. 670-41 (Casa Chevesich), im pulsierenden Herzen des Triestiner Handelsbürgertums.
- Struktur und Leitung: Obwohl Scrinzi Inhaberin und Eigentümerin war, wurde die technische und künstlerische Leitung Carlo Rieger anvertraut, dem erstgeborenen Sohn des Vedutisten Giuseppe Rieger und Schüler des berühmten französischen Fotografen Gustave Le Gray. Diese Zusammenarbeit vereinte Scrinzis unternehmerische Solidität mit der künstlerischen Tradition der Familie Rieger.
- Werbeversprechen: Die Werbeanzeigen der damaligen Zeit versprachen „Ähnlichkeit, Schärfe und Präzision" und boten Porträts, Innenansichten von Fabriken, Schiffen sowie Panoramaaufnahmen an, die mit „einer völlig neuen Methode" hergestellt wurden.
Produktion und Stil
- Stadtveduten: Das Atelier spezialisierte sich auf die Dokumentation der wachsenden Stadt Triest, mit besonderem Schwerpunkt auf der Uferpromenade. Zu den bekanntesten Werken zählen Ansichten des Molo San Carlo, des Hafens mit dem Leuchtturm Lanterna (1870), der Reede sowie Panoramen von Sant'Andrea und Montuzza.
- Historischer Vorrang: Allein im Jahr 1870 produzierte das Atelier 18 der 24 in den Katalogen der Städtischen Museen verzeichneten Hafenansichten – ein Beleg für seine herausragende Stellung auf dem lokalen Markt.
- Soziale Dokumentation: Ein Werk von außergewöhnlichem Wert ist die Fotografie der Einweihungsfeier der Fahne des Triestiner Arbeitervereins (12. Juni 1870), die die Fähigkeit des Ateliers belegt, trotz der langsamen Emulsionen der Epoche große Menschenmengen und offene Räume zu bewältigen.
- Technik und Preise: Vermutlich wurde die Nasskollodiummethode auf Glasplatten angewandt, die eine Präzision gewährleistete, welche die Lithografie übertraf. Die Abzüge wurden zum Preis von einem Gulden verkauft, was sie für die Mittelschicht erschwinglich machte.
Historische Bedeutung und Vermächtnis
Anna Scrinzi war keine passive Eigentümerin, sondern eine aktive Gestalterin der strategischen Entscheidungen des Ateliers. Es gelang ihr, eine Marke zu festigen, die über Jahrzehnte hinweg ein Maßstab für die Ikonografie der Stadt blieb.
Ein großer Teil ihres fotografischen Werks wurde ab 1911 in die Fototeca der Städtischen Museen für Geschichte und Kunst von Triest aufgenommen und stellt heute eine wertvolle historische und ikonografische Quelle dar.
Die Tätigkeit des Ateliers unter ihrer Leitung endete konventionell um 1873.