Der Österreichische Lloyd: die Flotte, die Triest zum Tor des Reiches machte
Versicherung, Dampfer und Kultur: 1833 gegründet, trug der Österreichische Lloyd Triests Flagge von Venedig bis Bombay, erfand die Kreuzfahrt und wurde Wiens maritimer Arm. Die Geschichte der größten Gesellschaft der Adria.
Keine andere Gesellschaft verkörpert die maritime Größe des habsburgischen Triest wie der Österreichische Lloyd. 1833 als bescheidene Versicherungsgesellschaft gegründet, war er binnen zweier Generationen zur größten Reederei der Adria geworden und trug die Flagge Triests von Venedig bis Bombay und darüber hinaus.
Die drei Seelen des Lloyd
Der Lloyd begann mit Information und Versicherung. 1833 gründeten Triester Versicherer und Kaufleute eine Versicherungssektion nach dem Vorbild von Lloyd's of London. Am 2. August 1836 kam die entscheidende Wende: eine zweite Sektion für die Dampfschifffahrt. 1849 folgte eine dritte, literarisch-künstlerische Sektion, die Zeitschriften und Bücher druckte und ab 1854 sogar ein eigenes Fotostudio führte.
Die Eroberung des Meeres
1837 eröffnete der Dampfer Arciduca Lodovico die Linie Triest-Venedig. Bis 1842 waren die großen Dampfer Imperatore und Imperatrice im Dienst, und regelmäßige Routen erreichten Dalmatien, die griechischen Inseln, Ägypten, die Türkei und die Häfen des Schwarzen Meeres. Der Lloyd wurde zum Bindegewebe des östlichen Mittelmeers, mit Triest als Knotenpunkt.
Jenseits von Suez: Wiens maritimer Arm
Die Eröffnung des Suezkanals veränderte alles. Pasquale Revoltella — 1795 in Venedig geboren, Vorstandsmitglied von Lloyd und Generali — war der größte Förderer und Finanzier des Kanals. 1869 wurde der Lloyd Aktionär der Compagnie universelle du Canal de Suez; 1870 eröffnete er die Linie nach Bombay. Neue Routen folgten:
- 1880 — Hongkong über Singapur;
- 1880er–90er — Melbourne, La Plata, Brasilien, Nordamerika;
- 1900 — die Linien Hongkong-Shanghai und Triest-Yokohama.
Aus einem Handelsinstrument war ein Werkzeug der habsburgischen Politik geworden, in das Wien kräftig investierte, um die Macht des Reiches über die Meere zu projizieren.
Das Arsenal von Sant'Andrea und die große Flotte
Solcher Ehrgeiz brauchte Stahl und Hellinge. Das Arsenal des Lloyd entstand in Sant'Andrea, seine monumentalen Bauten vom Architekten Christian Hansen um 1861 entworfen. Hier wurden Schiffe gebaut und repariert — wie die Delfino (898 Tonnen), 1875 vom Stapel gelaufen. 1914 näherte sich die Flotte des Lloyd einer Leistung von 200.000 PS; 1913 waren in Triest 178 Schiffe registriert, mit fast einer halben Million Tonnen.
Giganten des Meeres und die Geburt der Kreuzfahrt
Die Schiffe des Lloyd wurden zu Wahrzeichen der Stadt. Die Ettore (2.631 Tonnen) lief 1874 in Schottland vom Stapel; der Graf Wurmbrand, 1895 in der Werft San Rocco bei Muggia gebaut, war das erste Doppelschraubenschiff der Gesellschaft; das Passagierschiff Baron Gautsch folgte 1908, die großen Dampfer Wien und Helouan 1912. Bemerkenswert: der Dampfer Thalia wurde zu einem Schiff für Vergnügungsreisen umgebaut — Fotografien von 1909-1910 zeigen Kreuzfahrtgäste an Bord, am Molo San Carlo vertäut.
Der Palast, die Männer, die Stadt
Die Macht des Lloyd nahm an Land monumentale Gestalt an. Der Palast des Lloyd an der Piazza Grande — heute Piazza Unità d'Italia — wurde vom Wiener Architekten Heinrich von Ferstel zwischen 1880 und 1883 erbaut. Das Vermögen der Gesellschaft und von Männern wie Revoltella, dessen Vermächtnis das Museo Revoltella begründete, war in die Steine der Stadt eingewoben.
Die andere Seite des Fortschritts: der Streik von 1902
Hinter dem Glanz lag harte Arbeit. Im Februar 1902 streikten die Heizer des Lloyd — erst 300, dann 800 — wegen unbezahlter Überstunden und des Wachdienstes im Hafen. Als die Regierung sie durch Marineheizer ersetzte, brach am 12.-13. Februar ein Generalstreik aus. Am 14. ging die Truppe nach einer Kundgebung von über 4.000 Arbeitern im Politeama Rossetti gegen die Menge vor: zwei Gewehrsalven an der Piazza della Borsa und Piazza Verdi forderten acht Tote — ein ernüchterndes Gegenstück zur goldenen Legende des Lloyd.