Gesellschaft und Traditionen

Der Nikolausmarkt in Triest: Geschichte einer geliebten Tradition

Aus den griechischen Kaufleuten des habsburgischen Freihafens entstanden, ist der Nikolausmarkt das wahre Weihnachten der Triester Kinder: Ursprünge, der große Umzug von 1923 und die Bräuche von Gaben und Krampus.

In Triest gibt es ein Fest, das Kinder noch sehnsüchtiger erwarten als Weihnachten selbst: den Nikolausmarkt, die Fiera di San Nicolò. Triest erlebt ihn als Herzstück des Winters, in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember, mit einer Vorfreude, die für viele Familien den Weihnachtstag übertrifft.

Das wahre "Weihnachten" der Triester Kinder

Mehr als ein Markt ist der Markt ein kultureller Knotenpunkt. In ihm treffen die mediterran-byzantinische Welt, slawische Traditionen und die mitteleuropäische Folklore des Habsburgerreichs zusammen — ein treues Spiegelbild einer Grenzstadt.

Ursprünge: der habsburgische Freihafen und die griechisch-orthodoxe Gemeinde

Karl VI., der Freihafen und die östlichen Kaufleute

Der Markt ist untrennbar mit dem Handelsaufschwung verbunden, der dem von Karl VI. 1719 proklamierten Freihafen folgte, später unter Maria Theresia gestärkt. Die religiöse Toleranz zog viele Griechen an, die vor dem Osmanischen Reich flohen und den Kult des heiligen Nikolaus von Myra mitbrachten.

Der heilige Nikolaus, Patron der Seefahrer, und die griechische Kirche

Der heilige Nikolaus ist nicht der Patron Triests — das ist San Giusto — wurde aber tief verehrt. Die griechische Gemeinde erbaute zwischen 1784 und 1787 die griechisch-orthodoxe Kirche San Nicolò, später von Matteo Pertsch neu gestaltet. Neben dieser Kirche begannen um das liturgische Fest des 6. Dezember die ersten festlichen Märkte.

Mitteleuropäische Folklore: Gaben, Krampus und Parkeljni

Das häusliche Ritual vom 5. auf den 6. Dezember

Am Abend des 5. Dezember schreiben Kinder Briefe und stellen Schuhe oder Teller aufs Fensterbrett, mit Heu oder Karotten für den Esel des Heiligen. Brave Kinder finden Süßigkeiten, Mandarinen und Nüsse; die ungezogenen erhalten Kohle (heute süß).

Gut gegen Böse: Krampus und Parkeljni

In der alpenländisch-habsburgischen Folklore wird der Heilige von den Krampus begleitet, ziegenartigen Dämonen mit Ketten; im slowenischen Karst sind es die Parkeljni. Das süße Brot Miklavževi Parkeljni wird am Morgen des 6. Dezember gegessen.

Der große Umzug von 1923: von der Via Mazzini zum Viale XX Settembre

Bis 1922 füllten die Stände die Via Mazzini und angrenzende Straßen, von der Piazza della Legna (heute Goldoni) bis zur heutigen Piazza della Repubblica, für nur drei Tage. Im Dezember 1923 verlegte ein städtisches Dekret den Markt auf den eleganten Viale XX Settembre (damals Via dell'Acquedotto) und verlängerte ihn auf eine Woche.

Die erste Ausgabe auf dem Boulevard sorgte für Verwirrung: Il Piccolo hielt einen ironischen Dialog im Dialekt fest, riesige Menschenmengen, die Festnahme von zehn Taschendieben und einen Beinahe-Brand.

Der Viale XX Settembre, die Bühne des Marktes

Der baumbestandene Boulevard war die Lieblingspromenade des Bürgertums, Heimat des Politeama Rossetti (1878), von Liberty-Palästen und des Geburtshauses des Schriftstellers Italo Svevo in der Nummer 16 — eine Kulisse aus Cafés, Theatern und Kinos.

Die Nachkriegszeit: spektakuläre Ankünfte und kollektiver Mythos

Die Ankünfte des heiligen Nikolaus ab 1958

1958 kam ein kostümierter heiliger Nikolaus mit dem Zug am Hauptbahnhof an und zog auf einer Kutsche des 19. Jahrhunderts; später kam er mit Motorboot und Hubschrauber.

Der Boom von 1965 und das Teatro dei Piccoli

Die Ausgabe von 1965 zog über 600 Standanmeldungen an und floss in die Via Cesare Battisti über. Im Cinema Alabarda begeisterte Carlo Fiorellos Teatro dei Piccoli die Kinder mit sprechenden Tieren und dem Gorilla Makoko.

Der Markt heute: hundert Jahre auf dem Boulevard

2023 feierte der Markt das Jubiläum seines Umzugs auf den Boulevard, mit rund 90 Ausstellern entlang Viale XX Settembre, Largo Don Bonifacio und Via Muratti — zwischen ersten Weihnachtseinkäufen und dem Zauber für Kinder.

Ein anthropologisches Archiv Triests

Die Fiera di San Nicolò ist kein einfacher Handelsmarkt, sondern ein tiefes Identitätsbollwerk. Sie erinnert die Triester an ihre kosmopolitischen Wurzeln — griechische, habsburgische, slawische und italienische — hält die plurale Seele der Stadt lebendig und gibt den Geist der Großzügigkeit weiter.

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