Canal Grande di Trieste con il Ponte Rosso
Persönlichkeiten und Kultur

James Joyce in Triest: die habsburgischen Jahre des Ulysses-Autors

Mehr als sechzehn Jahre, von 1904 bis 1920, lebte James Joyce im österreichisch-ungarischen Triest. Entdecken Sie die Orte, Freundschaften und Werke, die in der mitteleuropäischen Stadt entstanden, die dem Ulysses Gestalt gab.

Wenn wir an Joyce in Triest denken, kommt uns sofort die Bronzestatue auf dem Ponterosso in den Sinn, mit der Inschrift „…meine Seele ist in Triest". Hinter diesem Satz verbergen sich sechzehn Jahre echtes Leben in einer Stadt, die damals der wichtigste Hafen des österreichisch-ungarischen Reiches war: eine wirtschaftliche und kulturelle Hauptstadt, in der sich Deutsch, Slowenisch, Italienisch, Griechisch und Hebräisch im Alltag verflochten. Entdecken wir gemeinsam, wie dieses habsburgische Triest einen jungen, unbekannten Englischlehrer in einen der bedeutendsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts verwandelte und warum wir ohne seine Triestiner Erfahrung wahrscheinlich den Ulysses nie in der uns bekannten Form gelesen hätten.

James Joyce kommt nach Triest: ein Dubliner im habsburgischen Reich

1904: eine unerwartete Ankunft am Kreuzweg Mitteleuropas

Am 20. Oktober 1904 stieg ein zweiundzwanzigjähriger junger Mann zusammen mit seiner Lebensgefährtin Nora Barnacle am Triester Hauptbahnhof aus dem Zug. Er hatte noch kein Buch veröffentlicht, sprach kein Italienisch und hatte sehr wenig Geld bei sich. Er hoffte auf eine Stelle als Englischlehrer an der Berlitz-Schule, fand aber den lokalen Zweig voll besetzt: Der Direktor Almidano Artifoni schlug ihm stattdessen vor, nach Pola zu wechseln, dem Hauptkriegshafen Österreichs an der istrischen Küste, wo die Schule gerade eine Filiale eröffnet hatte (Quelle: Museo Joyce Trieste). Joyce blieb bis Anfang März 1905 in Pola, dann konnte er endlich in die Stadt zurückkehren, die zu seiner Heimat werden sollte.

Der Charme einer multikulturellen, kosmopolitischen Stadt

Die Barriera Vecchia, der Canal Grande, die Piazza Ponterosso und die Straßen des Borgo Teresiano wirkten damals wie eine Hauptstadt im Kleinformat: ein habsburgischer Freihafen, der ein Mosaik von Völkern und Berufen anzog:

  • griechische und armenische Kaufleute entlang des Canal Grande
  • jüdische Bankiers und Industrielle mit Verbindungen zu den Versicherungen
  • dalmatinische Seeleute des Österreichischen Lloyd
  • deutsche Beamte einer effizienten Verwaltung
  • slowenische Arbeiter aus den Dörfern des Karsts

Für einen Iren, der im provinziellen Dublin des britischen Empire aufgewachsen war, bedeutete Triest eine geistige Öffnung ohnegleichen. In seinen privaten Aufzeichnungen und Briefen an seine Brüder beschreibt Joyce eine Stadt, in der das sprachliche Babel kein Mangel, sondern eine Ressource war: Jede Sprache trug eine eigene Sichtweise mit sich, eine Syntax der Welt, die er als Schriftsteller aufsog.

Die Arbeit an der Berlitz-Schule und Joyces Alltag in Triest

Englisch unterrichten in der Via San Nicolò: die Begegnung mit Almidano Artifoni

Die historische Triester Filiale der Berlitz-Schule befand sich in der Via San Nicolò 32, nur wenige Schritte vom Canal Grande entfernt. Joyce unterrichtete dort mehrere Jahre lang und sammelte Lehrerfahrungen, die sogar in den Ulysses einflossen: Die Figur des Musiklehrers Almidano Artifoni trägt denselben Namen wie der Berlitz-Direktor, der ihm seine erste Stelle gab. Der Triester Tag des Schriftstellers begann an der Schule, ging mit Privatstunden in bürgerlichen Familien weiter und endete oft in den historischen Kaffeehäusern der Stadt, wo er Zeitungen in mehreren Sprachen las und auf Marmortischen schrieb.

Ständige finanzielle Schwierigkeiten und das rege Leben der habsburgischen Kaffeehäuser

Trotz der ständigen Arbeit lebte Joyce in Triest fast immer am Rande seiner Möglichkeiten. Miete zu zahlen, Nora und die beiden Kinder zu unterhalten — Giorgio, geboren am 27. Juli 1905, und Lucia, geboren am 26. Juli 1907 im Ospedale Maggiore — bedeutete, Vorschüsse zu erbitten, häufig umzuziehen und zu jeder Stunde Privatstunden zu geben. Die Ankunft seines Bruders Stanislaus im Oktober 1905, ebenfalls Lehrer an der Berlitz, linderte die Lage nur teilweise. Doch gerade in jenen Jahren wurde der Besuch habsburgischer Kaffeehäuser wie des Caffè degli Specchi und der Pasticceria Pirona zum festen Bestandteil seiner Schreibmethode: Die genaue Beobachtung von Gesichtern, Dialogen und Gesten an den Triester Tischen lieferte Joyce ein unerschöpfliches Repertoire menschlicher Typen.

Zwei Giganten der Literatur begegnen sich: die Freundschaft mit Italo Svevo

Vom Schüler zum literarischen Vertrauten: die Stunden für Ettore Schmitz

Unter Joyces Privatschülern war Ettore Schmitz, Industrieller jüdischer Herkunft im Bereich der Schiffsfarben, der einen Traum verbarg: Er hatte zwei Romane veröffentlicht — Una vita und Senilità — die von der italienischen Kritik kühl aufgenommen worden waren. Als Schmitz dem irischen Lehrer seine Bücher zeigte, geschah etwas Unerwartetes: Joyce las sie, bewunderte sie und begann, sie auswendig zu zitieren. Diese Ermutigung war entscheidend: Zwanzig Jahre später, auch dank Joyces Vermittlung bei den französischen Kritikern, veröffentlichte Schmitz — inzwischen als Italo Svevo bekannt — La coscienza di Zeno (1923), das als Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts anerkannt wurde.

Der Einfluss des Triester Bürgertums und Judentums auf die Entstehung Leopold Blooms

Die Freundschaft mit Svevo war nicht nur literarisch. Durch ihn — und durch die anderen jüdischen Bürgerfamilien, bei denen er Stunden gab — sog Joyce eine Welt auf, die er in Dublin nie gekannt hätte: jene des mitteleuropäischen Judentums, geprägt von religiöser Tradition, durch die Moderne verdünnt, von kosmopolitischer Kultur, Sinn für Humor und gesellschaftlicher Randständigkeit. Dieses Material floss in die Figur Leopold Blooms, des jüdischen Protagonisten des Ulysses: Außenseiter in Dublin, aber völlig glaubwürdig für jeden, der in Triest einem Ettore Schmitz oder einem Aron Hector Schmitz (Sveros Geburtsname) begegnet war.

Joyces Orte in Triest: ein Spaziergang durch die literarische Stadtkarte

Erste Schritte in der Stadt: Piazza Ponterosso und der Canal Grande

Wenn wir heute den Canal Grande entlanggehen, treffen wir auf die Bronzestatue, die der Bildhauer Nino Spagnoli 2004 zum hundertsten Jahrestag der Ankunft des Schriftstellers schuf. Joyce erscheint dort wandernd auf der Brücke, mit Hut und Spazierstock, als sei er gerade dem Caffè San Marco entstiegen. Auch die Piazza Ponterosso hatte damals ein anderes Gesicht: Sie war das Herz des Borgo Teresiano, eines Stadtviertels aus dem achtzehnten Jahrhundert, das Kaiserin Maria Theresia für Kaufleute und Religionsminderheiten anlegen ließ. Joyce überquerte diese Straßen tausendmal und nahm Stimmen, Akzente und Düfte auf, die in Dubliners und Ulysses wieder auftauchen sollten.

Umzüge und Inspiration: von der via Oriani zum historischen Haus in der via Bramante

Die Familie Joyce wohnte an mindestens einem Dutzend Triester Adressen, doch drei verdienen besondere Erwähnung:

  • Via della Barriera Vecchia 32 (heute via Vittorio Oriani 2), von August 1910 bis September 1912, in einer Wohnung über der Apotheke des Dr. Picciola
  • Via Bramante 4, von September 1912 bis Juni 1915: drei Jahre, die die produktivsten der Triester Zeit waren
  • Via Sanità 2 (heute via Armando Diaz 2), während der kurzen Nachkriegsrückkehr zwischen Oktober 1919 und Juli 1920, in der Wohnung seiner Schwester Eileen

In jenem Haus in der via Bramante vollendete Joyce A Portrait of the Artist as a Young Man und schrieb die ersten Kapitel des Ulysses.

Triest als Brutstätte von Meisterwerken: die in der Adriastadt verfassten Werke

Die Vollendung von Dubliners und die Niederschrift des Portrait

Fast die gesamte Frühproduktion Joyces verläuft über Triest. Die Reihenfolge ist beeindruckend:

  • Chamber Music — Gedichtband erschienen 1907
  • Dubliners — Erzählungen endlich veröffentlicht 1914 nach langem Kampf mit den englischen Verlegern
  • A Portrait of the Artist as a Young Man — Roman vollständig in Triest geschrieben, ab 1914 in Fortsetzungen erschienen
  • Exiles — Drama in den Triester Jahren vollendet
  • Giacomo Joyce — Prosagedicht, einer seiner Triester Schülerinnen gewidmet, ausdrücklich in der Adriastadt angesiedelt

Im selben Zeitraum beginnt Joyce auch den Roman, der die Weltliteratur verändern würde.

Der Beginn des Ulysses: die Prägung der mitteleuropäischen Gesellschaft im Joyceschen Epos

Vor allem aber trägt der Ulysses den unauslöschlichen Stempel von Joyce in Triest. Als der Schriftsteller die Stadt im Juni 1915 verließ, hatte er bereits die ersten drei Kapitel des Romans verfasst; die sprachliche Struktur, der innere Monolog, die Fähigkeit, verschiedene Register im selben Absatz zu vereinen, gehen unmittelbar auf den Alltag einer mehrsprachigen Stadt zurück. Auch die berühmte Bewusstseinsstrom-Technik findet in Triest fruchtbaren Boden: In einer Stadt, in der sich die Sprachen ständig überlagerten, wurde der Geist zu einem polyphonen Mosaik, genau wie der von Leopold und Molly Bloom.

Der Aufbruch im Jahr 1920: Joyces Abschied von Triest

Die Nachkriegsrückkehr und der endgültige Wechsel nach Paris

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Juni 1915, brachte Joyce seine Familie ins neutrale Zürich. Dort blieben sie vier Jahre. Im Oktober 1919 kehrten sie nach Triest zurück, diesmal in die via Sanità 2, in die Wohnung seiner Schwester Eileen. Es waren intensive, aber Übergangsmonate: Joyce nahm den Unterricht wieder auf, vollendete die Episoden Nausicaa und Rinder des Sonnengottes des Ulysses und begann Circe. Im Juli 1920 jedoch reiste er auf Einladung Ezra Pounds nach Paris. Er sollte nie wieder in Triest leben.

Das ewige Erbe: wie das habsburgische Triest die Weltliteratur verwandelte

Als Joyce Triest verließ, war der unbekannte Schriftsteller von 1904 zu einem der meistdiskutierten Autoren Europas geworden. Ulysses sollte 1922 in Paris erscheinen und die Weltliteratur revolutionieren, aber seine Wurzeln waren Triestiner. Jahre später schrieb Joyce in einem Brief an einen Freund: „…meine Seele ist in Triest". Es war nicht nur Nostalgie: Es war die nüchterne Anerkennung einer geistigen Schuld. Die habsburgische Stadt hatte ihn gelehrt, in mehreren Sprachen zu denken, menschliche Charaktere wie Seiten eines unendlichen Buches zu lesen, das Alltägliche in literarischen Mythos zu verwandeln.

Sechzehn Jahre Aufenthalt, Dutzende von Adressen, zwei geborene Kinder, eine entscheidende Freundschaft mit Italo Svevo, fünf vollendete Bücher und der angefangene Ulysses: Die Geschichte von Joyce in Triest ist letztlich die Geschichte einer mitteleuropäischen Grenzstadt, multikulturell und vielsprachig, die eines der radikalsten literarischen Experimente des zwanzigsten Jahrhunderts ausbrütete. Wenn wir heute durch die Straßen des Borgo Teresiano gehen oder vor der Statue auf dem Ponterosso innehalten, vernehmen wir noch immer das Echo jener Zeit: ein habsburgisches Triest, das durch die Augen eines Dubliners zur ganzen Welt sprach.

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